Ankern in den schwedischen Schären – sicher am Felsen festmachen
Schärenanlegen mit Heckanker: Vorbereitung, Manöverablauf, Ausrüstung und typische Gefahren
Die schwedischen Schären gehören zu den faszinierendsten Segelrevieren Europas. Tausende Inseln, geschützte Naturbuchten und felsige Küsten bieten Möglichkeiten, die man aus vielen anderen Segelrevieren kaum kennt: Statt in einem Hafen festzumachen, liegt die Yacht mit dem Bug unmittelbar vor einem Felsen, gesichert durch Vorleinen und einen Heckanker.
Doch was romantisch aussieht, stellt besondere Anforderungen an den Skipper und seine Crew. Wer hier sicher anlegen möchte, muss nicht nur sein Schiff beherrschen, sondern auch Wassertiefen, Untergrund, Windverhältnisse und die Besonderheiten der Felsbefestigung richtig einschätzen.

Was ist beim Ankern in den Schären anders?
Beim klassischen Ankern liegt eine Yacht meist frei vor dem Buganker und kann sich mit wechselndem Wind um den Anker drehen.
Beim sogenannten Schärenanlegen ist das anders: Die Yacht wird häufig mit dem Bug zum Felsen ausgerichtet. Ein Heckanker hält das Schiff vom Ufer entfernt, während Leinen vom Bug zu geeigneten Befestigungspunkten an Land führen.
Dadurch entsteht ein Liegeplatz mitten in der Natur.
Diese Art des Festmachens verlangt allerdings besondere Aufmerksamkeit. Anders als beim freien Ankern kann sich die Yacht nicht einfach mit dem Wind drehen. Ändert sich die Windrichtung, können erhebliche Kräfte auf Anker, Leinen und Befestigungspunkte wirken.
Die richtige Ankerstelle auswählen
Schon bei der Auswahl des Liegeplatzes entscheidet sich, ob das spätere Manöver sicher durchgeführt werden kann.
Besonders wichtig sind:
- Wassertiefe: Reicht die Tiefe bis in den Bereich der geplanten Bugposition?
- Unterwasserfelsen: Gibt es Vorsprünge oder einzelne Steine unter der Wasseroberfläche?
- Ankergrund: Kann der Heckanker im vorhandenen Untergrund zuverlässig halten?
- Wind und Wetter: Ist die Bucht auch bei einer möglichen Winddrehung geschützt?
- Befestigungsmöglichkeiten: Gibt es geeignete Felsringe, sichere Schärennägel oder andere zuverlässige Festmachpunkte?
- Rückzugsmöglichkeit: Kann das Manöver jederzeit kontrolliert abgebrochen werden?
Gerade die Wassertiefe verdient besondere Aufmerksamkeit. Ein Felsen, der oberhalb der Wasserlinie steil abfällt, muss unter Wasser keineswegs dieselbe Form haben.
Deshalb gilt: Langsam erkunden, die Seekarte sorgfältig auswerten und niemals darauf vertrauen, dass es unmittelbar vor dem Felsen schon tief genug sein wird.
Welche Ausrüstung wird benötigt?
Neben der üblichen Sicherheits- und Ankerausrüstung können beim Schärenanlegen einige zusätzliche Hilfsmittel sinnvoll sein.
Heckanker mit ausreichend langer Ankerleine
Der Heckanker muss zum Schiff, zum Untergrund und zu den zu erwartenden Belastungen passen. Die erforderliche Länge der Ankerverbindung hängt unter anderem von Wassertiefe, Ankergeometrie, Wind und den örtlichen Verhältnissen ab.
Schärennägel
Schärennägel sind spezielle Metallbefestigungen, die in geeignete Felsspalten eingesetzt werden. Sie ermöglichen das Festmachen dort, wo keine festen Ringe vorhanden sind. Entscheidend sind die Eignung der Felsspalte, der sichere Sitz und die Belastungsrichtung.
Ausreichend lange Vorleinen
Mit zwei unabhängig geführten Vorleinen lässt sich die Yacht häufig besser positionieren und gegen seitliches Versetzen sichern.
Bugleiter und geeignetes Schuhwerk
Beim Landgang über den Bug besteht erhöhte Rutsch- und Sturzgefahr. Eine geeignete Bugleiter kann den Übergang erleichtern. Niemand sollte gezwungen sein, vom fahrenden Schiff auf einen glatten Felsen zu springen.
Das Schärenanlegen – Schritt für Schritt
1. Manöver vorbereiten
Bevor die Yacht den Liegeplatz ansteuert, bespricht der Skipper den Ablauf mit seiner Crew.
Wer bedient den Heckanker? Wer übernimmt die Vorleinen? Wer beobachtet die Wassertiefe und den Abstand zum Felsen?
Ebenso wichtig: Alle Beteiligten müssen wissen, wann das Manöver abgebrochen wird.
2. Ankergrund und Anfahrtsweg beurteilen
Der Skipper legt fest, wo der Heckanker ausgebracht werden soll. Der Anker braucht geeigneten Grund und ausreichend Raum, damit er zuverlässig halten kann.
Die richtige Position hängt von der Wassertiefe, dem Schiff und der verfügbaren Ankerleine ab.
3. Kontrolliert auf den Felsen zufahren
Die Yacht nähert sich dem vorgesehenen Liegeplatz sehr langsam. Der Heckanker wird an der geplanten Stelle ausgebracht und die Ankerleine kontrolliert gefiert.
Dabei müssen Leine und Anker zuverlässig von Propeller und Ruder freigehalten werden.
4. Verbindung zum Land herstellen
Erst wenn das Schiff sicher kontrolliert wird und der Übergang gefahrlos möglich ist, stellt ein Crewmitglied die Verbindung zum Land her.
Die Vorleinen werden an geeigneten Befestigungspunkten angeschlagen.
Ist ein sicherer Landgang nicht möglich, wird der Liegeplatz nicht erzwungen.
5. Yacht sichern und Anker kontrollieren
Die Position wird so eingestellt, dass ausreichend Abstand zwischen Bug und Felsen verbleibt.
Anschließend werden der sichere Halt des Heckankers, die Leinenführung und sämtliche Befestigungspunkte überprüft.
Die Yacht darf auch bei Bewegungen durch Wind und Wellen keinen Kontakt zum Felsen bekommen.
Die fünf häufigsten Fehler beim Schärenanlegen
1. Zu großes Vertrauen in die Wassertiefe
Unterwasserfelsen können selbst dann gefährlich werden, wenn unmittelbar daneben ausreichend Wasser vorhanden ist.
2. Ein nicht ausreichend haltender Heckanker
Ein Anker, der nicht richtig eingegraben ist oder auf ungeeignetem Grund liegt, kann bei Belastung ausbrechen.
3. Fehlende Kommunikation innerhalb der Crew
Wenn gleichzeitig Ankerleine gefiert, die Geschwindigkeit korrigiert und eine Vorleine ausgebracht wird, braucht es klare Zuständigkeiten und eindeutige Kommandos.
4. Gefährlicher Landgang
Ein Sprung vom Bug auf einen nassen Felsen kann schwere Verletzungen verursachen. Ein Liegeplatz ist es nicht wert, dafür die Sicherheit eines Crewmitglieds zu riskieren.
5. Winddreher werden unterschätzt
Ein zunächst geschützter Liegeplatz kann bei veränderter Windrichtung gefährlich werden. Besonders kritisch ist Wind, der die Yacht auf den Felsen drückt.
Was tun, wenn nachts der Wind dreht?
Eine der wichtigsten Fragen beim Schärenanlegen lautet: Was passiert, wenn aus dem geschützten Liegeplatz plötzlich eine gefährliche Situation wird?
Der Heckanker und die Vorleinen halten die Yacht in einer weitgehend festgelegten Position. Dreht der Wind ungünstig, steigen möglicherweise die Belastungen, während der Abstand zum Felsen geringer wird.
Deshalb sollten bereits vor dem Festmachen einige Fragen geklärt sein:
- Wie entwickelt sich das Wetter in den kommenden Stunden?
- Aus welchen Richtungen ist der Liegeplatz tatsächlich geschützt?
- Ist genügend Abstand zum Felsen vorhanden?
- Kann die Yacht bei Bedarf kontrolliert ablegen?
- Gibt es eine sichere Ausweichbucht?
Im Zweifel ist ein freier Ankerplatz mit ausreichend Schwojraum oder ein geschützter Hafen die bessere Entscheidung.
Muss man in den Schären immer am Felsen festmachen?
Nein. Auch in Schweden kann ganz klassisch frei geankert werden, sofern Untergrund, Wassertiefe, Platzverhältnisse und örtliche Vorschriften das zulassen.
Daneben gibt es Naturhäfen mit fest installierten Felsringen sowie ausgewiesene Festmachebojen.
Die schwedische Kreuzervereinigung Svenska Kryssarklubben stellt Informationen über zahlreiche Naturhäfen, Ankerplätze und Befestigungsmöglichkeiten bereit.
Wichtig: Nicht jede Boje darf von jedem Schiff genutzt werden. Auch örtliche Schutzbestimmungen und Betretungsverbote müssen beachtet werden.
Checkliste: Vor dem Schärenanlegen prüfen
- Aktuelle Seekarten und Revierinformationen geprüft?
- Wassertiefe und mögliche Unterwasserhindernisse beurteilt?
- Geeigneten Ankergrund gefunden?
- Windrichtung, Wetterentwicklung und mögliche Winddreher berücksichtigt?
- Sichere Befestigungspunkte an Land vorhanden?
- Heckanker, Leinen und weitere Ausrüstung vorbereitet?
- Aufgaben innerhalb der Crew eindeutig verteilt?
- Sicherer Landgang möglich?
- Abbruch- und Ausweichmöglichkeiten festgelegt?
Fazit: Gute Vorbereitung ist wichtiger als ein perfektes Manöver
Das Ankern in den schwedischen Schären ist eine faszinierende Möglichkeit, mit der eigenen Yacht die Natur zu erleben.
Entscheidend ist aber nicht, möglichst dicht am Felsen festzumachen. Entscheidend ist, dass Schiff und Crew jederzeit sicher bleiben.
Wer Ankertechnik, Windverhältnisse, Leinenführung und Crewkommunikation beherrscht, schafft eine wichtige Grundlage für solche Manöver.
Und wenn die Bedingungen nicht passen, beweist ein Skipper gerade dadurch gute Seemannschaft, dass er einen anderen Liegeplatz wählt.
Vorbereitung verschafft Sicherheit.
Dieser Artikel vermittelt Grundlagen und ersetzt keine praktische Einweisung in das Schärenanlegen oder aktuelle, ortsbezogene Revierinformationen.
Weiterführende Informationen
Svenska Kryssarklubben – Naturhäfen und Ankerplätze
Svenska Kryssarklubben – Naturhäfen an der Westküste