Plan A funktioniert nicht – und jetzt?
Warum ein guter Skipper nicht nur einen Plan braucht, sondern auch die Fähigkeit, ihn rechtzeitig zu verändern.
Ein guter Plan ist noch keine Garantie
Ich bereite mich gerne auf meine Hafenmanöver vor.
Bevor ich einen unbekannten Hafen anlaufe, schaue ich mir den Hafenplan an. Ich beschäftige mich mit den Liegeplätzen, möglichen Hindernissen und den Platzverhältnissen.
Wenn ich mich dem Hafen nähere, beobachte ich die Situation.
- Wie steht der Wind?
- Welche anderen Yachten bewegen sich gerade?
- Wo habe ich ausreichend Platz?
- Welche Möglichkeiten stehen mir zur Verfügung?
Aus diesen Beobachtungen entwickle ich meinen Plan.
Ich möchte beispielsweise eine bestimmte Box anlaufen. Ich überlege mir die Anfahrtrichtung, die Geschwindigkeit und wie ich meine Crew einsetze.
So weit, so gut.
Aber eines weiß ich bereits vorher:
Nur weil ich einen guten Plan habe, bedeutet das noch lange nicht, dass alles nach diesem Plan ablaufen wird.
Wenn die Wirklichkeit anders aussieht
Der Wind verändert sich.
Eine andere Yacht fährt plötzlich in den Bereich, den ich für mein Manöver vorgesehen hatte.
Oder ich merke erst bei der Annäherung, dass die Platzverhältnisse doch enger sind als erwartet.
Auch meine Yacht kann anders reagieren, als ich angenommen habe.
Jetzt habe ich grundsätzlich zwei Möglichkeiten:
- Ich kann versuchen, meinen ursprünglichen Plan irgendwie durchzusetzen.
- Oder ich kann die Situation neu beurteilen und überlegen, welche andere Vorgehensweise sinnvoller wäre.
Für mich ist die zweite Möglichkeit ein wesentlicher Bestandteil guter Skipperpraxis.
Ein Plan ist für mich eine Vorbereitung auf die Wirklichkeit. Er ist kein Befehl, den ich unter allen Umständen ausführen muss.
Welche Möglichkeiten habe ich eigentlich?
Wenn ich über einen Plan B nachdenke, geht es nicht immer darum, ein völlig anderes Manöver zu fahren.
Manchmal reicht bereits eine kleine Veränderung.
Ich kann eine andere Anfahrtrichtung wählen, meine Geschwindigkeit anpassen oder den Wind besser nutzen.
Oder ich entscheide mich, zunächst noch einmal wegzufahren und einen neuen Anlauf zu nehmen.
Dabei hilft mir eine Frage, die ich mir als Skipper immer wieder stelle:
Welche Ressourcen stehen mir in dieser Situation zur Verfügung?
- Damit meine ich nicht nur die technische Ausstattung der Yacht.
- Auch der verfügbare Raum ist eine Ressource.
- Die Zeit, die ich mir durch eine langsame und kontrollierte Annäherung verschaffe, ist eine Ressource.
- Die Erfahrung meiner Crew kann eine Ressource sein.
- Und selbstverständlich gehören auch meine eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten dazu.
Je besser ich diese Möglichkeiten erkenne, desto mehr Alternativen kann ich entwickeln.
Warum ich möglichst langsam in einen Hafen fahre
Eine meiner wichtigsten Grundregeln beim Hafenmanöver lautet, möglichst langsam zu fahren.
Natürlich spielt dabei auch die geringere Bewegungsenergie eine Rolle.
Aber für mich hat die langsame Fahrt noch einen weiteren entscheidenden Vorteil:
- Ich verschaffe mir Zeit.
- Zeit zum Beobachten.
- Zeit zum Nachdenken.
- Zeit zum Entscheiden.
Solange meine Yacht ausreichend manövrierfähig bleibt, kann ich durch eine angepasste Geschwindigkeit verhindern, dass sich eine Situation unnötig schnell entwickelt.
Denn wenn ich mit zu hoher Geschwindigkeit in einen engen Bereich hineinfahre, kann mir sehr schnell der Handlungsspielraum fehlen, um meinen Plan noch zu verändern.
Langsamkeit allein löst allerdings nicht jedes Problem. Auch eine Yacht mit sehr geringer Fahrt kann durch Wind oder Strömung in Schwierigkeiten geraten.
Deshalb muss die Geschwindigkeit immer zur jeweiligen Situation und zum Verhalten meiner Yacht passen.
Plan B beginnt nicht erst, wenn Plan A scheitert
Ich halte es für einen Fehler, sich erst dann über Alternativen Gedanken zu machen, wenn die ursprüngliche Vorgehensweise bereits nicht mehr funktioniert.
Natürlich kann ich nicht jede mögliche Entwicklung vorhersehen.
Aber ich kann mich bereits vor einem Manöver fragen:
- Was könnte anders laufen als erwartet?
- Was mache ich, wenn die vorgesehene Box nicht erreichbar ist?
- Was mache ich, wenn plötzlich ein anderes Fahrzeug meinen Weg kreuzt?
- Welche Möglichkeiten habe ich, das Manöver rechtzeitig zu unterbrechen?
- Und gibt es von vornherein eine bessere Alternative?
- Dabei geht es nicht darum, für jedes denkbare Problem einen komplizierten Notfallplan zu entwickeln.
Es geht darum, meinen Blick für verschiedene Möglichkeiten zu schärfen.
Wer Alternativen bereits kennt, bevor er sie benötigt, kann im entscheidenden Moment häufig ruhiger und überlegter handeln.
Warum auch ein guter Plan verändert werden darf
Manchmal habe ich den Eindruck, dass Skipper sich regelrecht an ihrem ursprünglichen Plan festklammern.
Sie haben sich einmal entschieden, ein bestimmtes Manöver zu fahren, und möchten es nun unbedingt erfolgreich abschließen.
Vielleicht auch deshalb, weil andere Menschen zuschauen.
Aber ich finde, das ist der falsche Maßstab.
Es geht nicht darum, einen einmal gefassten Plan besonders konsequent durchzusetzen.
Es geht darum, die Yacht und die Crew sicher zu führen.
Wenn sich die Bedingungen verändern, muss ich bereit sein, meine Entscheidung zu verändern.
Manchmal genügt eine kleine Korrektur.
Manchmal brauche ich einen vollkommen anderen Ansatz.
Und manchmal ist die beste Entscheidung, das geplante Manöver gar nicht erst zu beginnen oder einen begonnenen Versuch rechtzeitig abzubrechen.
Das ist für mich keine Niederlage.
Souveränität bedeutet nicht, immer am ursprünglichen Plan festzuhalten. Souveränität bedeutet, zu erkennen, wann eine andere Entscheidung besser ist.
Was hat das mit praktischem Training zu tun?
In meinen Hafentrainings möchte ich den Teilnehmern nicht einfach nur zeigen, wie sie ein bestimmtes Manöver fahren sollen.
Ich möchte, dass sie ihre Yacht kennenlernen.
- Wie reagiert sie auf unterschiedliche Ruderlage?
- Wie verändert sich ihr Verhalten bei unterschiedlicher Geschwindigkeit?
- Wie wirken Wind und gegebenenfalls Strömung?
- Was kann ich mit meiner Yacht überhaupt machen?
- Je besser ich diese Zusammenhänge verstehe, desto mehr Möglichkeiten stehen mir in ungewohnten Situationen zur Verfügung.
Deshalb trainieren wir die Grundlagen des Yachthandlings und probieren unter kontrollierten Bedingungen auch unterschiedliche Vorgehensweisen aus.
Nicht, um für jede Situation ein fertiges Rezept zu lernen.
Sondern um die eigenen Fähigkeiten zu erweitern.
Denn ein Plan B hilft mir nur dann, wenn ich auch in der Lage bin, ihn praktisch umzusetzen.
Beurteilen – Entscheiden – Handeln
Diese drei Begriffe beschreiben für mich den Kern guter Skipperpraxis.
Zuerst beurteile ich die Situation.
- Was passiert gerade?
- Welche Gefahren gibt es?
- Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung?
- Dann entscheide ich mich für eine Vorgehensweise.
Und anschließend handle ich.
Aber damit ist der Prozess nicht abgeschlossen.
Ich muss weiter beobachten, wie sich die Situation entwickelt.
Wenn sich etwas verändert, beginnt der Ablauf erneut.
Ich beurteile die neue Situation, treffe gegebenenfalls eine andere Entscheidung und passe mein Handeln entsprechend an.
Ein guter Skipper handelt nicht einfach nur nach Plan. Er überprüft immer wieder, ob sein Plan noch zur aktuellen Situation passt.
Mein Fazit: Ein Plan gibt Orientierung, keine Garantie
Ich finde es ausgesprochen wichtig, sich vor einem Hafenmanöver Gedanken zu machen.
Eine gute Vorbereitung schafft die Grundlage für sinnvolle Entscheidungen.
Aber wir sollten nicht erwarten, dass sich die Wirklichkeit immer an unsere Planung hält.
Wind, Verkehr, Platzverhältnisse und das Verhalten der Yacht können sich anders entwickeln als gedacht.
Deshalb möchte ich als Skipper nicht nur einen Plan haben.
Ich möchte auch meine Möglichkeiten und Alternativen kennen.
Ich möchte erkennen, wann ich an meiner ursprünglichen Entscheidung festhalten kann und wann es sinnvoller ist, einen anderen Weg zu wählen.
Und ich möchte die Fähigkeiten besitzen, diese Entscheidung anschließend auch umzusetzen.
Ich bereite mich nicht darauf vor, dass alles nach Plan läuft. Ich bereite mich darauf vor, auch dann noch entscheiden zu können, wenn mein Plan nicht mehr funktioniert.
Vom Schein zum Skipper – SPOREDO
Bei SPOREDO trainieren wir nicht nur einzelne Hafenmanöver. Wir möchten Skipper dabei unterstützen, ihre Yacht zu verstehen, eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und auch unter veränderten Bedingungen verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.
Denn gute Skipperpraxis bedeutet für uns: Beurteilen – Entscheiden – Handeln.
Kostenlose Skipper-Checklisten
Gute Skipperpraxis beginnt mit einer guten Vorbereitung. Mit unseren kostenlosen Skipper-Checklisten behältst du wichtige Sicherheitsmaßnahmen, Notfälle und technische Probleme an Bord im Blick.