Was wäre, wenn? – Die wichtigste Frage eines Skippers
Warum gute Skipper nicht erst dann über Lösungen nachdenken, wenn ein Problem bereits entstanden ist.
Eine Frage, die meine Art zu segeln verändert hat
Irgendwann habe ich angefangen, mir während ganz normaler Segeltörns immer wieder eine einfache Frage zu stellen:
„Was wäre, wenn?“
Am Anfang war das für mich fast ein kleines Gedankenspiel.
Ich beobachtete eine Situation an Bord oder auf dem Wasser und überlegte, was passieren könnte, wenn sich plötzlich etwas verändern würde.
- Was wäre, wenn jetzt etwas schiefgeht?
- Welche Möglichkeiten hätte ich?
- Wie würde ich reagieren?
Dabei ging es mir nicht darum, ständig irgendwelche Katastrophen heraufzubeschwören.
Ich wollte einfach besser verstehen, welche Handlungsmöglichkeiten ich als Skipper habe.
Und mit der Zeit wurde mir klar, wie wertvoll dieses gedankliche Training sein kann.
Was wäre, wenn jetzt jemand über Bord geht?
Ein Beispiel ist mir besonders in Erinnerung geblieben.
Wir waren mit einer Yacht unterwegs, und ein Kind ging mit Erlaubnis nach vorne zum Bug.
Eine ganz normale Situation.
Aber ich stellte mir plötzlich die Frage:
Was wäre, wenn dieses Kind jetzt über Bord fallen würde?
- Was würde ich als Erstes tun?
- Wie könnte ich den Sichtkontakt aufrechterhalten?
- Wer könnte welche Aufgabe übernehmen?
- Wie würde ich die Yacht unter den gegebenen Bedingungen manövrieren?
- Und wie könnten wir die Person möglichst schnell und sicher wieder an Bord bekommen?
Natürlich steht die Unfallverhütung immer an erster Stelle. Ich möchte verhindern, dass überhaupt jemand über Bord geht.
Aber die Möglichkeit eines solchen Unfalls darf ich deshalb nicht einfach ausblenden.
Gerade weil noch gar nichts passiert war, konnte ich in Ruhe darüber nachdenken.
Ich hatte Zeit, unterschiedliche Möglichkeiten zu betrachten und mir bewusst zu machen, welche Fähigkeiten und Vorbereitungen notwendig wären.
Das ersetzt selbstverständlich kein praktisches Notfall-Training.
Aber es hilft dabei, sich mit einer solchen Situation auseinanderzusetzen, bevor sie tatsächlich eintritt.
Was wäre, wenn der andere Skipper nicht so reagiert wie erwartet?
Ein anderes Beispiel begegnet uns beim Segeln immer wieder.
Eine andere Yacht kommt auf uns zu.
Die Situation scheint eindeutig. Nach den geltenden Ausweichregeln müsste das andere Fahrzeug ausweichen.
Aber was wäre, wenn der andere Skipper die Regeln nicht kennt?
Oder wenn er uns gar nicht gesehen hat?
Würde ich einfach darauf vertrauen, dass er im letzten Augenblick schon reagieren wird?
Natürlich nicht.
Ich würde die Situation aufmerksam beobachten und rechtzeitig überlegen, welche Möglichkeiten mir zur Verfügung stehen, um eine gefährliche Annäherung zu vermeiden. Denn auch wenn ich nach den geltenden Regeln zunächst Kurshalter bin, entbindet mich das nicht von meiner Verantwortung, eine Kollision zu vermeiden.
Recht zu haben hilft mir wenig, wenn es trotzdem zu einer Kollision kommt.
Und genau deshalb finde ich solche gedanklichen Überlegungen so wichtig.
Nachdenken, solange noch Zeit dafür ist
Das Entscheidende an meiner „Was wäre, wenn?“-Methode ist für mich der Zeitpunkt.
Ich beschäftige mich mit einer möglichen Schwierigkeit, obwohl sie noch gar nicht eingetreten ist.
Ich habe Zeit.
Ich stehe nicht unter unmittelbarem Handlungsdruck.
Ich kann verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abwägen und überlegen, welche Voraussetzungen für eine sinnvolle Reaktion notwendig wären.
Wenn eine kritische Situation tatsächlich entsteht, sieht das häufig ganz anders aus.
Dann muss ich möglicherweise innerhalb weniger Sekunden handeln.
Dann bleibt keine Zeit, grundlegende Zusammenhänge erstmals zu durchdenken.
Warum also nicht vorher darüber nachdenken, wenn ich noch die Ruhe dafür habe?
Ein Segeltörn bietet unzählige Möglichkeiten zum Lernen
Das Schöne an dieser Methode ist, dass ich dafür nicht unbedingt ein spezielles Training benötige.
Ich muss auch keine gefährliche Situation künstlich herbeiführen.
Ein ganz normaler Segeltörn bietet bereits viele Gelegenheiten, sich gedanklich mit unterschiedlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen.
Ich kann beobachten, wie eine Yacht auf Wind und Wellen reagiert.
Ich kann mich fragen, wie ich handeln würde, wenn plötzlich ein technisches Problem auftritt.
Oder ich beobachte andere Fahrzeuge und überlege, wie ich reagieren würde, wenn sich ihre Bewegungen unerwartet verändern.
Dabei geht es nicht darum, ständig angespannt zu sein.
Im Gegenteil.
Für mich wurde daraus eine spielerische Beschäftigung mit den eigenen Möglichkeiten.
Ich habe versucht, mich gedanklich in unterschiedliche Situationen hineinzufuchsen und Lösungen zu entwickeln.
Manchmal habe ich dabei auch festgestellt, dass mir bestimmte Kenntnisse oder Fähigkeiten fehlen.
Und genau das ist ebenfalls eine wertvolle Erkenntnis.
Denn nur wenn ich weiß, was ich noch nicht kann, kann ich gezielt daran arbeiten.
Ein Plan A ist gut – aber was ist mit Plan B?
Wenn ich mich mit möglichen Entwicklungen beschäftige, denke ich nicht nur über eine einzige Vorgehensweise nach.
Ich versuche auch, Alternativen zu erkennen.
Vielleicht habe ich einen Plan A.
Aber was mache ich, wenn dieser Plan nicht funktioniert?
Gibt es einen Plan B?
Oder vielleicht sogar eine weitere Möglichkeit?
Das bedeutet nicht, dass ich für jede denkbare Situation eine fertige Lösung in der Schublade haben muss.
Das wäre weder möglich noch sinnvoll.
Aber ich kann lernen, verschiedene Handlungsmöglichkeiten frühzeitig zu erkennen.
Und ich kann mir angewöhnen, nicht starr an einer einmal getroffenen Entscheidung festzuhalten.
Ein guter Plan soll mich nicht auf eine einzige Handlung festlegen. Er soll mir helfen, auch dann noch handlungsfähig zu bleiben, wenn ich von ihm abweichen muss.
Vorbereitung bedeutet nicht, ständig Angst zu haben
Man könnte jetzt meinen, dass ich während eines Segeltörns ständig darüber nachdenke, was alles schiefgehen könnte.
Aber darum geht es mir überhaupt nicht.
Segeln soll Freude machen.
Ich möchte die Zeit auf dem Wasser genießen, schöne Reviere kennenlernen und gemeinsam mit meiner Crew unterwegs sein.
Gerade deshalb ist mir eine gute Vorbereitung wichtig.
Wenn ich mich mit möglichen Schwierigkeiten beschäftigt habe, kann ich vielen Situationen gelassener begegnen.
Ich weiß, dass nicht alles so laufen muss, wie ich es ursprünglich geplant habe.
Aber ich weiß auch, dass eine Abweichung vom Plan nicht automatisch eine Katastrophe bedeutet.
Vielleicht muss ich eine andere Entscheidung treffen.
Vielleicht brauche ich etwas mehr Zeit.
Vielleicht muss ich Unterstützung organisieren oder eine geplante Handlung ganz aufgeben.
Das ist für mich kein Problem, solange ich meine Möglichkeiten erkenne und verantwortungsvoll handle.
Mentale Vorbereitung ersetzt keine praktische Übung
Eines möchte ich ausdrücklich betonen:
Nur weil ich mir eine Situation gedanklich vorstellen kann, bedeutet das noch lange nicht, dass ich sie praktisch sicher beherrsche.
Gerade bei einem Mensch-über-Bord-Manöver, einem Feuer an Bord oder einem Wassereinbruch reichen theoretische Überlegungen allein nicht aus.
Hier müssen grundlegende Maßnahmen, Zuständigkeiten und notwendige Handlungen auch praktisch geübt werden.
Denn zwischen dem Wissen, was zu tun wäre, und der tatsächlichen Umsetzung unter Stress kann ein erheblicher Unterschied bestehen.
Aber mentale Vorbereitung und praktisches Training ergänzen sich hervorragend.
Wenn ich mir vorher Gedanken gemacht habe, erkenne ich vielleicht besser, welche Fähigkeiten ich überhaupt trainieren sollte.
Und wenn ich diese Fähigkeiten anschließend praktisch geübt habe, kann ich sie in mein gedankliches Repertoire aufnehmen.
So entsteht nach und nach ein größerer Handlungsspielraum.
Beurteilen – Entscheiden – Handeln
Diese drei Begriffe beschreiben für mich den Kern guter Skipperpraxis.
Bevor ich handle, muss ich eine Situation beurteilen.
Welche Gefahren bestehen? Welche Möglichkeiten habe ich? Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung?
Anschließend treffe ich eine Entscheidung.
Und dann muss ich diese Entscheidung auch umsetzen können.
Aber dieser Prozess beginnt nicht erst, wenn eine Schwierigkeit bereits entstanden ist.
Ich kann meine Fähigkeit, Situationen zu beurteilen, auch vorher trainieren.
Genau dafür nutze ich meine Frage:
„Was wäre, wenn?“
Sie hilft mir, über den unmittelbaren Augenblick hinauszudenken und mögliche Entwicklungen frühzeitig zu berücksichtigen.
Mein Fazit: Gute Skipper denken voraus
Ich bin überzeugt, dass vorausschauendes Denken zu den wichtigsten Fähigkeiten eines Skippers gehört.
Nicht, weil man dadurch jede Schwierigkeit verhindern könnte.
Und auch nicht, weil man für jede Situation eine perfekte Lösung hätte.
Sondern weil man lernt, Möglichkeiten und Alternativen zu erkennen, bevor der Handlungsdruck entsteht.
Dafür brauche ich nicht immer ein kostenpflichtiges Training.
Ich kann bereits beim nächsten Segeltörn damit anfangen.
Ich muss nur aufmerksam beobachten und mir gelegentlich eine einfache Frage stellen:
„Was wäre, wenn?“
Vielleicht entdecke ich dabei eine Handlungsmöglichkeit, über die ich bisher noch nie nachgedacht habe.
Vielleicht erkenne ich aber auch, dass mir für bestimmte Situationen noch Wissen oder praktische Erfahrung fehlt.
Beides bringt mich als Skipper weiter.
Denn die beste Zeit, über eine schwierige Situation nachzudenken, ist häufig die Zeit, in der sie noch gar nicht eingetreten ist.
Vom Schein zum Skipper – SPOREDO
Bei SPOREDO möchten wir nicht nur einzelne Manöver vermitteln. Wir möchten Skipper darin unterstützen, vorausschauend zu denken, ihre Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und auch in ungewohnten Situationen verantwortungsvoll zu handeln.
Mentale Vorbereitung und praktische Trainings gehören für uns zusammen.
Unser Leitgedanke: Beurteilen – Entscheiden – Handeln.
Kostenlose Skipper-Checklisten
Gute Skipperpraxis beginnt mit einer guten Vorbereitung. Mit unseren kostenlosen Skipper-Checklisten behältst du wichtige Sicherheitsmaßnahmen, Notfälle und technische Probleme an Bord im Blick.