Muss ich da jetzt anlegen?
Fünf Wörter, fünf unterschiedliche Fragen – und möglicherweise fünf ganz unterschiedliche Entscheidungen.
Eine einfache Frage mit erstaunlich vielen Antworten
Es gibt einen Satz, den ich Skippern gerne mit auf den Weg geben möchte:
„Muss ich da jetzt anlegen?“
Eigentlich eine ganz einfache Frage.
Aber sprich diesen Satz einmal fünfmal hintereinander aus und betone dabei jedes Mal ein anderes Wort.
Du wirst feststellen, dass sich die Bedeutung jedes Mal verändert.
Und genau das macht diesen Satz für mich so interessant. Denn häufig beschäftigen wir uns beim Hafenmanöver viel zu sehr mit der Frage, wie wir ein bestimmtes Manöver durchführen wollen.
Dabei sollten wir uns manchmal zunächst fragen, ob wir es überhaupt durchführen müssen.
MUSS ich da jetzt anlegen?
Wer sagt eigentlich, dass ich dieses Manöver unbedingt durchführen muss?
Vielleicht habe ich einen Liegeplatz reserviert.
Vielleicht wartet jemand auf mich.
Vielleicht habe ich meiner Crew angekündigt, dass wir jetzt dort anlegen.
Aber bedeutet das wirklich, dass ich unter allen Umständen genau dieses Manöver fahren muss?
Natürlich nicht.
Vielleicht haben sich die Bedingungen verändert.
Vielleicht ist der Wind stärker geworden oder der Liegeplatz schwieriger anzufahren als erwartet.
Dann darf ich meine ursprüngliche Entscheidung hinterfragen.
Nur weil ich etwas geplant habe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich es auch um jeden Preis durchführen muss.
Muss ICH da jetzt anlegen?
Diese Betonung verändert die Frage vollständig.
Bin ich tatsächlich die richtige Person, um dieses Manöver durchzuführen?
Vielleicht bin ich erschöpft.
Vielleicht fühle ich mich mit der aktuellen Situation überfordert.
Oder vielleicht gibt es an Bord jemanden, der mit dieser Yacht deutlich mehr Erfahrung hat.
Warum sollte ich dann nicht darüber nachdenken, das Steuer an eine besser geeignete Person zu übergeben?
Natürlich bleibt der verantwortliche Skipper für eine sichere Entscheidung und eine geordnete Übergabe verantwortlich.
Aber für mich ist es keine Schwäche, die Fähigkeiten anderer Menschen zu nutzen.
Im Gegenteil.
Ein guter Skipper muss nicht alles selbst machen. Er muss dafür sorgen, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden.
Muss ich DA jetzt anlegen?
Warum eigentlich genau an diesem Liegeplatz?
Vielleicht liegt die Box ausgesprochen ungünstig zum Wind.
Vielleicht ist der Platz sehr eng.
Vielleicht befinden sich Hindernisse in unmittelbarer Nähe.
Aber möglicherweise gibt es nur wenige Meter weiter einen Liegeplatz, der wesentlich einfacher anzufahren ist.
Oder einen anderen Bereich des Hafens.
Vielleicht ist sogar ein anderer Hafen die bessere Wahl.
Ich muss mich also nicht ausschließlich damit beschäftigen, wie ich meine Yacht in die ursprünglich vorgesehene Box bekomme.
Ich kann auch überlegen, ob diese Box überhaupt die richtige ist.
Nicht jeder freie Liegeplatz ist unter den gegebenen Bedingungen auch ein geeigneter Liegeplatz.
Muss ich da JETZT anlegen?
Auch der Zeitpunkt kann entscheidend sein.
Vielleicht zieht gerade eine kräftige Böe durch den Hafen.
Vielleicht herrscht viel Verkehr.
Vielleicht ist meine Crew noch nicht ausreichend vorbereitet.
Muss ich das Manöver wirklich in diesem Augenblick fahren?
Oder kann ich zunächst in einem sicheren Bereich abwarten?
Vielleicht beruhigt sich der Wind.
Vielleicht wird der Hafenverkehr weniger.
Vielleicht kann ich der Crew noch einmal in Ruhe erklären, was ich vorhabe.
Natürlich muss auch das Warten sicher möglich sein. Manchmal werden die Bedingungen später nicht besser, sondern schlechter.
Aber gerade deshalb sollte ich den Zeitpunkt bewusst wählen.
Nicht alles, was ich jetzt machen könnte, muss ich auch genau jetzt machen.
Muss ich da jetzt ANLEGEN?
Und schließlich die letzte Frage.
Ist Anlegen überhaupt die richtige Lösung?
Vielleicht möchte ich eigentlich nur eine Pause machen.
Dann könnte unter geeigneten Bedingungen auch das Ankern eine Möglichkeit sein.
Vielleicht möchte ich übernachten und finde im vorgesehenen Hafen keinen sicheren Liegeplatz. Dann könnte ein anderer Hafen besser geeignet sein.
Oder vielleicht muss ich zunächst gar nicht festmachen, sondern kann meine Fahrt sicher fortsetzen.
Manchmal konzentrieren wir uns so sehr auf ein bestimmtes Ziel, dass wir andere Möglichkeiten überhaupt nicht mehr wahrnehmen.
Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, das eigentliche Vorhaben noch einmal grundsätzlich zu hinterfragen.
Was hat das mit gutem Yachthandling zu tun?
In meinen Hafentrainings geht es nicht darum, ein Manöver unter allen Umständen erfolgreich abzuschließen.
Mir ist viel wichtiger, dass meine Teilnehmer lernen, eine Situation richtig einzuschätzen.
Dazu gehört auch, Alternativen zu erkennen.
Wenn ich einen Hafen anlaufe, versuche ich bereits vorher, mir ein Bild von der Situation zu machen.
Ich schaue mir den Hafenplan an, beobachte Wind und Verkehr, erkenne mögliche Hindernisse und überlege, welche Möglichkeiten mir zur Verfügung stehen.
Und ich fahre möglichst langsam, um mir Zeit zu verschaffen.
- Zeit zum Beobachten.
- Zeit zum Nachdenken.
- Zeit zum Entscheiden.
Denn ein Hafenmanöver beginnt für mich nicht erst damit, dass ich den Gashebel betätige oder das Ruder lege.
Es beginnt mit der Entscheidung, was ich überhaupt machen möchte – und warum.
Die beste Entscheidung muss nicht das ursprünglich geplante Manöver sein
Ich glaube, dass wir als Skipper manchmal zu sehr darauf fixiert sind, einen einmal gefassten Plan auch tatsächlich umzusetzen.
Wir haben uns eine bestimmte Vorgehensweise überlegt und möchten sie nun unbedingt durchführen.
Aber was passiert, wenn sich die Voraussetzungen verändern?
Dann brauche ich die Fähigkeit, meine Entscheidung zu hinterfragen.
Vielleicht funktioniert mein ursprünglicher Plan weiterhin.
Vielleicht gibt es aber auch eine wesentlich bessere Alternative.
Und manchmal ist die klügste Entscheidung, ein Manöver gar nicht erst zu beginnen.
Das ist kein Zeichen von Unsicherheit.
Im Gegenteil.
Es zeigt, dass ich nicht einfach nur ein eingeübtes Manöver abspule, sondern die aktuelle Situation beurteile und Verantwortung übernehme.
Beurteilen – Entscheiden – Handeln
Diese drei Begriffe beschreiben für mich den Kern guter Skipperpraxis.
Zunächst beurteile ich die Situation.
- Welche Bedingungen herrschen?
- Welche Gefahren gibt es?
- Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung?
- Welche Alternativen habe ich?
Dann treffe ich eine Entscheidung.
Und anschließend handle ich entsprechend.
Aber dieser Prozess endet nicht mit der ersten Entscheidung.
Wenn sich die Situation verändert, muss ich sie erneut beurteilen und gegebenenfalls anders handeln.
Genau deshalb finde ich die fünf unterschiedlich betonten Wörter so hilfreich.
Sie erinnern mich daran, dass ich nicht nur über die Durchführung eines Manövers nachdenken sollte.
Sondern auch über seine Notwendigkeit, die beteiligten Personen, den Ort, den Zeitpunkt und mögliche Alternativen.
Mein Fazit: Erst denken, dann handeln
Vielleicht probierst du es bei deiner nächsten Hafeneinfahrt einfach einmal aus.
Stelle dir die Frage:
„Muss ich da jetzt anlegen?“
Und betone dabei jedes Mal ein anderes Wort.
Du wirst sehen, wie viele unterschiedliche Überlegungen sich aus diesem einfachen Satz ergeben können.
Natürlich soll daraus keine endlose Grübelei entstehen. Irgendwann muss eine Entscheidung getroffen werden.
Aber solange ich noch Zeit habe, möchte ich diese Zeit nutzen.
Denn es ist wesentlich angenehmer, in Ruhe über Alternativen nachzudenken, als erst dann nach einer Lösung zu suchen, wenn der Handlungsspielraum bereits sehr klein geworden ist.
Ein guter Skipper fragt sich nicht nur, wie er ein Manöver fahren kann. Er fragt sich auch, ob es unter den gegebenen Umständen überhaupt die richtige Entscheidung ist.
Vom Schein zum Skipper – SPOREDO
Bei SPOREDO trainieren wir nicht nur Hafenmanöver. Wir möchten Skipper dabei unterstützen, ihre Yacht besser zu verstehen, Situationen vorausschauend zu beurteilen und eigenständig Entscheidungen zu treffen.
Denn souveränes Yachthandling beginnt im Kopf – lange bevor das eigentliche Manöver beginnt.