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Abbruch ist das beste Manöver

Warum ein rechtzeitig abgebrochenes Hafenmanöver oft mehr Souveränität zeigt als ein erzwungener Erfolg.

Wenn das Hafenmanöver nicht nach Plan läuft

Wer kennt das nicht?
Man fährt ein Anlegemanöver, hat sich eigentlich gut vorbereitet, und plötzlich entwickelt sich die Situation anders als erwartet.

Der Wind drückt stärker als gedacht. Die Yacht steht nicht im richtigen Winkel. Die Geschwindigkeit passt nicht. Oder der Platz wird langsam knapp.
Und jetzt passiert etwas, das ich bei Skippern immer wieder beobachte:
Sie versuchen, das Manöver irgendwie noch zu retten.

Noch ein bisschen Gas. Noch mehr Ruder. Noch schnell die Leine rüberwerfen.
Hauptsache, irgendwie in die Lücke kommen.

Ich nenne das manchmal: „Sich in die Lücke hineinwürgen.“

Dabei steigt der Stresspegel. Die Entscheidungen werden hektischer. Und der Handlungsspielraum wird immer kleiner.
Aber muss das wirklich sein?

Warum fällt uns das Abbrechen so schwer?

Ein Hafenmanöver abzubrechen fühlt sich für manche Skipper zunächst wie eine Niederlage an.
Vielleicht stehen andere Segler auf dem Steg und schauen zu. Vielleicht möchte man sich selbst beweisen, dass man es kann.

Und vielleicht hat man bereits so viel in das Manöver investiert, dass man es unbedingt zu Ende bringen möchte.
Ich kann das durchaus nachvollziehen.

Aber genau darin liegt eine Gefahr.

Denn je mehr ich versuche, ein offensichtlich misslingendes Manöver doch noch irgendwie zu retten, desto größer kann das Risiko werden.

Ein Hafenmanöver muss nicht um jeden Preis zu Ende gefahren werden.

Es geht nicht darum, vor den Zuschauern auf dem Steg besonders gut auszusehen.
Es geht darum, die Yacht und ihre Crew sicher zu führen.

Abbruch ist das beste Manöver

In meinen Hafentrainings vermittle ich deshalb einen Grundsatz, den ich für besonders wichtig halte:

Abbruch ist das beste Manöver – wenn die Voraussetzungen für eine sichere Fortsetzung nicht mehr gegeben sind.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ich bei jeder kleinen Abweichung sofort aufgebe.
Nicht jede unerwartete Bewegung der Yacht erfordert einen Abbruch. Manchmal genügt eine kleine Korrektur.

Aber ich muss erkennen, wann sich die Situation so verändert, dass mein ursprünglicher Plan nicht mehr sinnvoll oder sicher umzusetzen ist.
Und vor allem muss ich diese Entscheidung rechtzeitig treffen.

Denn solange ich noch ausreichend Raum und Kontrolle über die Yacht habe, stehen mir häufig mehrere Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Vielleicht kann ich den Anlegeversuch beenden, wieder ins freie Hafenbecken fahren und anschließend einen neuen Anlauf nehmen.
Unter Umständen muss ich aber auch eine ganz andere Vorgehensweise wählen.

Entscheidend ist, dass ich bewusst handle, bevor mir die Situation meine Möglichkeiten nimmt.

Wegfahren ist keine Niederlage

Ich finde, ein kontrollierter Abbruch kann ausgesprochen souverän aussehen.
Statt hektisch zu versuchen, die Yacht irgendwie noch an den Steg zu bekommen, entscheidet sich der Skipper, den Versuch zu beenden.

Er schafft wieder Abstand, gewinnt Zeit und kann die Situation neu beurteilen.

  • Was hat beim ersten Versuch nicht funktioniert?
  • War die Anfahrtrichtung ungünstig?
  • Habe ich die Geschwindigkeit falsch eingeschätzt?
  • War der Wind stärker als erwartet?
  • Vielleicht muss ich meine Crew anders vorbereiten.
  • Oder ich sollte eventuell ich einen anderen Liegeplatz wählen.
  • Unter Umständen ist es sinnvoll, zunächst abzuwarten.

Mit einem rechtzeitigen Abbruch gewinne ich etwas zurück, das während eines misslingenden Manövers immer knapper wird: Zeit und Handlungsspielraum.

Und das Beste daran?
Wenn ich früh genug und kontrolliert abgebrochen habe, ist im Idealfall noch überhaupt kein Schaden entstanden.

Auch ein Abbruch muss vorbereitet sein

Allerdings gibt es einen Punkt, der mir besonders wichtig ist.
Ein Abbruch funktioniert nicht automatisch dadurch, dass ich einfach den Gashebel nach vorne schiebe und wegfahre.
Auch das könnte unter ungünstigen Bedingungen gefährlich werden.

Deshalb sollte ich mir bereits vor dem Anlegemanöver überlegen, welche Möglichkeiten ich habe, wenn mein ursprünglicher Plan nicht funktioniert.

  • Wo habe ich ausreichend Platz?
  • Welche Hindernisse befinden sich in meiner Nähe?
  • Wie wirken Wind und gegebenenfalls Strömung auf meine Yacht?
  • Kann ich den Versuch kontrolliert beenden und erneut anfahren?
  • Und ab welchem Punkt stehen mir diese Möglichkeiten möglicherweise nicht mehr zur Verfügung?
  • Das sind Fragen, die ich mir am besten vorher stelle.

Denn wenn die Yacht erst einmal quer zwischen anderen Schiffen liegt, kann es für einen einfachen Abbruch bereits zu spät sein.

Die beste Abbruchmöglichkeit ist diejenige, die ich erkenne, solange ich sie noch sicher nutzen kann.

Was hat das mit Yachthandling zu tun?

In meinen Hafentrainings geht es nicht darum, bestimmte Manöver möglichst oft zu wiederholen, bis sie irgendwann funktionieren.
Ich möchte, dass meine Teilnehmer verstehen, wie ihre Yacht reagiert und welche Möglichkeiten sie haben.
Dazu gehört auch, ein Manöver bewusst zu unterbrechen.

Denn wer eine Yacht wirklich beherrschen möchte, muss nicht nur wissen, wie er ein Manöver beginnt und durchführt.
Er muss auch erkennen können, wann eine andere Entscheidung sinnvoller ist.

Das trainieren wir durch unterschiedliche Übungen und Situationen.

Wir beobachten die Bewegungen der Yacht, beschäftigen uns mit Geschwindigkeit, Ruderlage, Drehverhalten und den vorhandenen Platzverhältnissen.
Und wir überlegen gemeinsam, welche Alternativen bestehen.
Dabei darf ein Manöver auch einmal misslingen.
Schließlich befinden wir uns in einem Training.

Aber wir möchten daraus lernen, bevor eine Situation kritisch wird.

Souveränität bedeutet, Entscheidungen ändern zu können

Ich glaube, dass manche Skipper einen einmal gefassten Plan zu lange verfolgen.
Dabei ist ein Plan zunächst nur eine Entscheidung auf Grundlage der Informationen, die mir zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehen.

Wenn sich die Situation verändert, darf sich auch meine Entscheidung verändern.
Das ist kein Zeichen von Schwäche.
Im Gegenteil.

Echte Souveränität bedeutet für mich, zu erkennen, wann ich an einem Plan festhalten kann – und wann ich ihn besser aufgebe.

Und genau hier kommen wir wieder zu meinem Grundsatz:

Beurteilen – Entscheiden – Handeln.

Ich beurteile die aktuelle Situation.
Ich entscheide mich gegebenenfalls gegen die Fortsetzung des Manövers.
Und ich führe den Abbruch kontrolliert durch.

Anschließend beurteile ich die Situation erneut und entwickle einen neuen Plan.
Vielleicht funktioniert der nächste Versuch.
Vielleicht brauche ich aber auch noch einen weiteren Anlauf.

Na und?

Mein Fazit: Lieber noch einmal als mit Gewalt

Ein abgebrochenes Hafenmanöver ist für mich nicht automatisch ein gescheitertes Hafenmanöver.

Wenn ich rechtzeitig erkannt habe, dass die Bedingungen nicht passen, und meine Yacht kontrolliert aus der Situation führen konnte, habe ich möglicherweise die beste Entscheidung des gesamten Manövers getroffen.

Es geht nicht darum, möglichst schnell oder möglichst elegant an den Steg zu kommen.
Es geht darum, die Yacht sicher zu führen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erhalten.
Vielleicht brauche ich zwei Versuche. Eventuell auch drei.
Das ist mir wesentlich lieber, als mit Gewalt ein Manöver durchzusetzen und dabei einen Schaden zu riskieren.

Manchmal ist das beste Hafenmanöver eben das, das ich rechtzeitig abbreche.


Vom Schein zum Skipper – SPOREDO

In unseren Hafentrainings geht es nicht darum, jedes Manöver um jeden Preis durchzusetzen. Wir trainieren das Yachthandling, das frühzeitige Erkennen von Handlungsmöglichkeiten und die Fähigkeit, situationsgerecht zu entscheiden.

Denn ein souveräner Skipper weiß nicht nur, wie er ein Manöver beginnt. Er weiß auch, wann er es besser beendet.


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