Riggschaden / Mastbruch
Bei einem Riggschaden muss zuerst verstanden werden, welcher Teil des Riggs betroffen ist und welche Lasten noch im System stehen.
Wanten und Stagen halten den Mast. Sie sind keine losen Drähte, sondern tragende Teile des Riggs. Sie stehen unter Last und sorgen dafür, dass der Mast in seiner Position bleibt.
Wenn ein tragendes Teil bricht oder sich löst, verändert sich die Lastverteilung sofort. Die übrigen Wanten und Stagen ziehen weiter am Mast. Dadurch kann der Mast sehr schnell zur beschädigten oder überlasteten Seite ausweichen und brechen. Unter Segeldruck ist diese Gefahr besonders groß.
Deshalb gilt bei jedem ernsten Riggschaden:
- Segeldruck sofort reduzieren
- beschädigte Riggseite entlasten
- keine zusätzlichen Lasten auf das Rigg bringen
- Personen aus Gefahrenbereichen holen
- schlagende Leinen, Drähte und Segel meiden
- Motor und Schraube vor Leinen und Segelteilen schützen
- Wassereinbruch prüfen
- Hilfe organisieren, wenn die Yacht nicht sicher kontrollierbar bleibt
Nicht jeder Riggschaden ist ein Mastbruch
Ein Riggschaden bedeutet nicht automatisch, dass der Mast bereits gebrochen ist. Es kann auch ein einzelnes Teil betroffen sein.
Dazu gehören zum Beispiel:
- Want
- Stag
- Wantenspanner
- Pütting
- Saling
- Rollanlage
- Fall
- Schot
- Baum
- Großsegel
- Vorsegel
- Beschläge am Mast oder Deck
Auch wenn der Mast noch steht, darf ein solcher Schaden nicht unterschätzt werden. Das Rigg ist ein zusammenhängendes System.
Wenn ein tragender Teil ausfällt, werden andere Teile plötzlich deutlich stärker belastet.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: „Steht der Mast noch?“
Die entscheidende Frage ist: „Ist das Rigg noch ausreichend tragfähig?“
Wenn der Mast noch steht
Steht der Mast noch, geht es darum, keine weiteren Lasten in das beschädigte Rigg zu bringen.
Besonders kritisch sind Manöver, bei denen die Lasten schnell wechseln. Dazu gehören vor allem Wenden, Halsen, starkes Anluven, Abfallen unter Segeldruck oder schlagende Segel.
Wichtig ist:
- Segeldruck reduzieren
- beschädigte Seite entlasten
- keine Wende oder Halse unter Last erzwingen
- Großschot und Vorsegel kontrolliert fieren, wenn sicher möglich
- keine Personen in den Bereich gespannter Drähte stellen
- keine Arbeiten am Mast, wenn Bruch- oder Sturzgefahr besteht
- Riggbewegung beobachten
- Hafen, Ankerplatz oder Hilfe nur ansteuern, wenn die Yacht sicher kontrollierbar bleibt
Ein stehender Mast ist kein Beweis dafür, dass die Situation sicher ist. Er kann trotz sichtbarer Stabilität bereits stark geschwächt sein.
Beschädigte Wanten und Stagen
Wanten und Stagen halten den Mast in Längs- und Querrichtung. Wenn ein Want oder Stag bricht, fehlt dem Mast eine wichtige Abstützung.
Die verbleibenden Teile ziehen weiter. Dadurch entstehen neue Lasten und Zugrichtungen. Unter Segeldruck kann das sehr schnell zum Mastbruch führen.
Deshalb gilt:
- sofort Segeldruck herausnehmen
- beschädigte Seite entlasten
- keine zusätzliche Belastung durch Manöver erzeugen
- lose oder gebrochene Drähte meiden
- gespannte Drähte nicht anfassen
- keine Personen in den Zug- oder Schlagbereich stellen
- Notabspannung nur versuchen, wenn sie bekannt und sicher möglich ist
- bei Unsicherheit Hilfe anfordern
Eine provisorische Abspannung mit Fall oder Leine kann in manchen Situationen helfen. Sie darf aber nicht dazu führen, dass Personen ungesichert in einen gefährlichen Bereich geschickt werden.
Baum, Großsegel und laufendes Gut
Auch ein beschädigter Baum oder ein schlagendes Großsegel kann gefährlich werden.
Der Baum kann unkontrolliert ausschlagen. Schoten, Fallen und Niederholer können unter hoher Last stehen. Beschläge können brechen oder sich lösen.
Wichtig ist:
- Personen aus dem Schwenkbereich holen
- Großsegel entlasten
- Großschot und Niederholerbereiche meiden
- schlagende Segel nicht mit bloßen Händen stoppen
- Baum nur sichern, wenn es gefahrlos möglich ist
- beschädigte Teile nicht weiter belasten
Laufendes Gut ist nicht harmlos. Eine Schot oder ein Fall unter Last kann schwere Verletzungen verursachen. Hände, Arme und Körper gehören nicht in Leinen unter Spannung.
Wenn der Mast bricht
Wenn der Mast bricht, verändert sich die Lage sofort.
Der Mast kann an Deck liegen, über Bord hängen, im Wasser treiben oder noch teilweise mit der Yacht verbunden sein. Segel, Wanten, Stagen und Fallen können die Yacht ziehen, gegen den Rumpf schlagen oder in Richtung Schraube treiben.
Zuerst geht es um:
- Personen schützen
- Verletzte versorgen
- Segeldruck vollständig herausnehmen
- Gefahrenbereiche meiden
- Motor und Schraube schützen
- Wassereinbruch prüfen
- Kommunikation sichern
- Hilfe organisieren
Materialrettung ist nachrangig. Ein beschädigter Mast ist ein großer Schaden. Eine verletzte Person, blockierte Schraube oder beschädigter Rumpf kann die Lage aber deutlich verschärfen.
Mast oder Rigg im Wasser
Liegt der Mast oder ein Teil des Riggs im Wasser, entsteht häufig eine zweite Gefahr.
Mögliche Folgen sind:
- Leinen geraten in die Schraube
- Segel treiben unter die Yacht
- Wanten schlagen gegen den Rumpf
- Beschläge beschädigen Rumpf oder Deck
- die Yacht wird durch das Rigg im Wasser gezogen
- die Manövrierfähigkeit geht verloren
Deshalb darf der Motor nicht einfach gestartet werden. Erst muss klar sein, ob Schraube, Ruder und Heckbereich frei sind.
Wenn Leinen, Segel oder Riggteile in Richtung Schraube treiben, bleibt der Motor aus. Eine Leine in der Schraube kann aus dem Riggschaden zusätzlich einen Antriebsschaden machen.
Rigg sichern oder kappen
Riggteile werden nicht aus Aktionismus gekappt. Sie werden nur gesichert oder getrennt, wenn sie Menschen, Rumpf, Schraube oder Manövrierfähigkeit gefährden.
Das Kappen ist gefährlich, weil Teile unter Last stehen können. Nach einem Schnitt können Drähte, Leinen oder Beschläge unkontrolliert ausschlagen.
Besonders kritisch sind:
- gespannte Wanten
- gespannte Stagen
- Fallen unter Last
- schlagende Schoten
- Baumbeschläge unter Spannung
- Riggteile, die im Wasser Zug aufbauen
Messer helfen nur bei Tauwerk. Für Drahtseile braucht man geeignetes Werkzeug (Wantenschneider). Wenn Werkzeug, Erfahrung oder sichere Arbeitsposition fehlen, ist Hilfe oft die bessere Entscheidung.
Wassereinbruch nach Riggschaden
Nach einem Mastbruch oder schweren Riggschaden muss auch der Rumpf geprüft werden.
Riggteile können gegen den Rumpf schlagen. Püttinge können beschädigt werden. Decksbereiche können Risse bekommen.
Auch am Mastfuß oder an Decksdurchführungen können Schäden entstehen.
Kontrolliert werden sollten:
- Bilge
- Bereich um Mastfuß
- Decksdurchführungen
- Püttinge
- Wantenspannerbereiche
- Rumpf und Deck
- Schotten und Verkleidungen, soweit zugänglich
Wasser kann zunächst unauffällig eindringen. Deshalb reicht ein kurzer Blick nicht immer aus. Wenn Wasser gefunden wird oder der Wasserstand steigt, gilt die separate Wassereinbruch-Checkliste.
Kommunikation nach Mastbruch
Die UKW-Funkantenne einer Segelyacht sitzt am Mast. Das ist wichtig, weil die Höhe der Antenne die Funkreichweite bestimmt.
Wenn der Mast nicht mehr steht, ist die feste UKW-Kommunikation betroffen. Die Mastantenne ist dann nicht mehr dort, wo sie sein muss. Sie kann abgerissen, beschädigt oder im Wasser sein. Damit ist das fest eingebaute UKW-Funkgerät nicht mehr als verlässliche normale Funkanlage zu betrachten.
Das bedeutet:
- DSC-Distress über das feste UKW-Gerät kann wirkungslos bleiben
- MAYDAY über das feste UKW-Gerät kann nicht oder nur stark eingeschränkt ausgesendet werden
- die Reichweite kann massiv reduziert sein
- die Antennenleitung kann beschädigt sein
- Senden über eine beschädigte oder fehlende Antenne kann wirkungslos sein
Deshalb müssen sofort Backup-Wege vorbereitet werden:
- Handfunkgerät
- Handy
- Signalmittel
- Notbeleuchtung
- Positionslichter
- sichtbare Zeichen
- Hilfe über andere Schiffe
Die Notfunk-Checkliste bleibt wichtig. Bei Mastbruch muss aber immer davon ausgegangen werden, dass die feste UKW-Anlage nicht mehr zuverlässig funktioniert.
Motor nach Riggschaden
Der Motor kann helfen, die Yacht zu stabilisieren oder aus einer gefährlichen Lage zu bringen. Er darf aber nur genutzt werden, wenn Schraube, Ruder und Heckbereich frei sind.
Vor dem Start sollte geprüft werden:
- Liegen Leinen im Wasser?
- Treiben Segel in Richtung Schraube?
- Hängt ein Fall oder eine Schot über Bord?
- Liegen Riggteile im Bereich von Ruder oder Schraube?
- Wird die Yacht durch Mast oder Segel im Wasser gezogen?
Wenn unklar ist, ob die Schraube frei ist, bleibt der Motor aus. Eine blockierte Schraube kann die Situation erheblich verschlechtern.
Manövrierfähigkeit nach dem Schaden
Nach einem Riggschaden muss geprüft werden, ob die Yacht noch sicher manövrierfähig ist.
Dazu gehören:
- Ruderwirkung
- freie Schraube
- Segelfähigkeit
- Motor nutzbar oder nicht
- Abdrift
- Abstand zu Gefahren
- Möglichkeit zu ankern
- Möglichkeit zu schleppen
- Zustand der Crew
Eine Hafenansteuerung sollte nicht erzwungen werden, wenn die Yacht nicht sicher kontrollierbar ist. In vielen Fällen ist ein sicherer Ankerplatz, Schlepphilfe oder Unterstützung von außen die bessere Lösung.
Verletzungen nach Riggschaden
Riggschäden können zu schweren Verletzungen führen.
Typische Gefahren entstehen durch:
- schlagende Drähte
- brechende Beschläge
- fallende Teile
- Baumbewegung
- Leinen unter Last
- Arbeiten auf nassem oder unruhigem Deck
Verletzte Personen müssen aus dem Gefahrenbereich gebracht und versorgt werden.
Bei schweren Verletzungen muss früh medizinische Hilfe angefordert werden.
Hilfe und Notfunk
Bei einem Riggschaden sollte früh eingeschätzt werden, ob Hilfe erforderlich ist.
- PAN-PAN ist passend, wenn die Lage ernst ist, aber noch keine unmittelbare Lebensgefahr besteht.
- DSC-DISTRESS und MAYDAY sind richtig, wenn Menschen oder Yacht unmittelbar gefährdet sind.
Das kann zum Beispiel der Fall sein bei:
- Mastbruch mit Verletzten
- Mast oder Rigg im Wasser und eingeschränkter Manövrierfähigkeit
- Wassereinbruch
- Abdrift auf Land oder Untiefen
- drohender Kollision
- fehlender Kommunikation über das feste Funkgerät
- schwerem Wetter
- nicht kontrollierbarer Yacht
Die genauen Abläufe stehen in der separaten Notfunk-Checkliste.
Schlepphilfe nach Riggschaden
Wenn die Yacht nicht mehr sicher manövrierfähig ist, kann Schlepphilfe notwendig werden.
Dabei muss besonders darauf geachtet werden, dass lose Leinen, Segel oder Riggteile den Schleppvorgang nicht gefährden.
Vorbereitung:
- Schleppleine vorbereiten
- geeignete Klampen oder Poller prüfen
- Bugbereich freihalten, wenn sicher möglich
- Fender vorbereiten
- Messer bereithalten
- Personen aus Leinenbereichen halten
- lose Riggteile vom Schleppbereich fernhalten
- klare Kommunikation mit Helfern sicherstellen
Leinen unter Last sind gefährlich. Niemand darf Leinen um Hände, Arme oder Körper legen.
Vercharterer und Dokumentation
Auf einer Charteryacht muss der Vercharterer informiert werden, sobald die Lage stabil genug dafür ist.
Wichtig sind:
- Position
- Uhrzeit
- Art des Schadens
- Verletzte
- Wassereinbruch ja oder nein
- Manövrierfähigkeit
- Fotos oder Video, wenn sicher möglich
- getroffene Maßnahmen
- weitere Planung
Sicherheitsrelevante Teile sollten nicht eigenmächtig repariert werden, wenn keine klare Freigabe oder Fachkenntnis vorhanden ist.
Vorbereitung vor dem Törn
Nicht jeder Riggschaden lässt sich verhindern. Aber die Crew kann vorbereitet sein.
Vor dem Törn sollte klar sein:
- Wo liegt geeignetes Werkzeug?
- Gibt es Bolzenschneider oder Drahtschneider?
- Wo liegen Messer?
- Wo liegt das Handfunkgerät?
- Wo sind Signalmittel?
- Wo ist Erste-Hilfe-Material?
- Wie wird der Motor schnell gestoppt?
- Wo stehen Yachtname, MMSI und Rufzeichen?
- Wer kann an Deck sicher helfen?
- Wer bleibt besser aus dem Gefahrenbereich?
Diese Vorbereitung dauert nur wenige Minuten. Im Ernstfall verhindert sie Chaos.
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Die Checklisten helfen dir, die wichtigsten Sofortmaßnahmen klar und geordnet im Blick zu behalten – zum Beispiel bei Feuer an Bord, Mensch über Bord, Kollision, Wassereinbruch, Grundberührung, Notfunk, Ruderausfall, Ausfall des Maschinenantriebs, Riggschaden oder dem Verlassen der Yacht.